Mein erster Stallmoment begann mit einer bemerkenswert optimistischen Annahme.
Ich war überzeugt, vorbereitet zu sein.
Ich trug ein Sommerkleid.
Und knallrote Gummistiefel.
Rückblickend betrachtet war das… mutig.
Mit unserer „strullernden Susie“, einem Renault Twingo Baujahr 1998, dessen technische Eigenheiten bereits auf der Anreise für eine gewisse Aufmerksamkeit sorgten.
Die Kinder waren grün im Gesicht.
Nicht aus emotionaler Überwältigung.
Sondern wegen der Bergstraße.
Viele Kurven.
Viele Höhenmeter.
Und ein Auto, das Beschleunigung eher als philosophisches Konzept verstand.
Kurz gesagt:
Die Kinder waren seekrank.
Auf dem Berg.
Franz kam uns entgegen.
Damals noch meine Flamme von großem Interesse, heute mein Ehemann — was rückblickend betrachtet eine bemerkenswerte Entwicklung für jemanden darstellt, der mich ohne jegliche Vorwarnung direkt in Räumlichkeiten führte, deren olfaktorische Eigenschaften man wohl am ehesten als Au-de-Cologne der landwirtschaftlichen Art beschreiben könnte.
Ich bin geruchsempfindlich.
Sehr geruchsempfindlich.
Und dieser Ort hatte… Charakter.
Sehr viel Charakter.
Ohne Umschweife.
Ohne Einführung.
Ohne Schonfrist.
Ich trug ein Sommerkleid.
Und jene knallroten Gummistiefel, die ich zu diesem Zeitpunkt weiterhin für eine absolut angemessene Form landwirtschaftlicher Vorbereitung hielt.
Aus heutiger Sicht war das… optimistisch.
Der Stall
Wir bewegten uns auf das architektonische Meisterwerk moderner Tierhaltung zu.
Franz ging voraus.
Ich folgte.
Mit etwas Abstand.
Dann schob er einen Riegel zur Seite.
Ein Geräusch, das in meinem damaligen Wissensstand keinerlei besondere Bedeutung hatte — aber einen bemerkenswert endgültigen Charakter besaß.
Die Tür öffnete sich.
Wir gingen über Beton.
Linkerhand erhob sich eine hölzerne Konstruktion, eine Art Podest, großzügig mit Stroh bedeckt.
Darauf lag eine schwarz-weiße Kuh.
Daneben ein junges Kalb.
Frisch geboren.
Ruhig.
Beeindruckend groß.
Potentiell gefährlich.
Zumindest aus Sicht einer Person mit überwiegend theoretischem Kuhwissen.
Mein Wissen über Kühe bestand zu diesem Zeitpunkt im Wesentlichen aus:
Milka-Werbung.
Almglocken.
Und der Annahme, dass Kühe vorzugsweise idyllisch auf grünen Wiesen liegen.
Diese hier lag zwar auch.
Aber deutlich überzeugender.
Innere Lageeinschätzung
Mein Gehirn aktivierte umgehend das vorhandene Halbwissen:
Kühe verteidigen ihre Jungtiere.
Eine Information, die in urbanen Lebensumfeldern wenig praktische Relevanz besitzt — auf einem Bauernhof jedoch schlagartig an Gewicht gewinnt.
Weitere Fragen tauchten auf.
Habe ich ein Testament?
Wie schnell rannte noch mal Speedy Gonzales?
Und wäre das eine Fähigkeit,
die sich spontan aktivieren lässt?
Zur Not auch in roten Gummistiefeln.
Ich blieb stehen.
Nicht demonstrativ.
Sondern taktisch.
Mein Blick wanderte instinktiv zum Ausgang.
Ich begann, innerlich die Distanz zur Freiheit zu berechnen und überschlug die benötigte Anzahl an Fluchtschritten über Beton in kniehohen Gummistiefeln.
Ein Film lief vor meinem inneren Auge ab.
Zeitlupe.
Schrecksekunde.
Das Gesicht entgleist.
Der Körper will Richtung Ausgang.
Die Stiefel schlapfen.
Das Kleid ist unpraktisch.
Ein Kuhfladen im Weg.
Nun gut.
Ich schob diesen Film beiseite und sah Franz sorgenvoll an.
Franz hingegen wirkte vollkommen entspannt.
Ein Verhalten, das mich gleichzeitig beruhigte und beunruhigte.
Denn entweder besaß er außergewöhnliches Vertrauen in sein Tier —
oder ich unterschätzte die Situation erheblich.
Beides erschien möglich.
Kontaktaufnahme mit Blacky
Franz forderte uns auf, näher zu kommen.
Er ging vor.
Ich zögerte.
Kurz.
Dann folgte ich.
Okay.
Ich folgte.
Mutig.
Aber mit einer klaren Exit-Strategie im Hinterkopf.
Die Kuh blieb liegen.
Sie betrachtete uns mit jener ruhigen Souveränität, die ich später als typisch für Tiere kennenlernen sollte, die keinerlei Zweifel an ihrer physischen Überlegenheit hegen.
„Blacky“, erklärte Franz.
Ein Urgestein des Hofes.
Hier groß geworden.
Und in der vergangenen Nacht zum siebenten Mal Mutter geworden.
Eine Information, die meine innere Risikobewertung nur begrenzt entspannte.
Der entscheidende Moment
Dann geschah etwas, das mein damaliges Verständnis von Stallrealität nachhaltig irritierte.
In meinem Beisein überprüfte Franz vollkommen sachlich, ob es sich bei dem Kalb um einen Stier oder eine Kuh handelte.
Ohne Dramatik.
Ohne Nervosität.
Unter den wachsamen Augen der Mutterkuh.
Ich beobachtete das Geschehen mit einer Mischung aus Faszination, Respekt und der vorsichtigen Bereitschaft, jederzeit fluchtartig den Stall zu verlassen.
Die Kuh blieb ruhig.
Das Kalb ebenfalls.
Und ich begann langsam zu begreifen, dass sich meine bisherigen Annahmen über Gefahren, Dramaturgie und tierische Eskalationsbereitschaft nicht zwingend mit der Realität deckten.
Erkenntnisphase
Blacky lag da wie ein massives, atmendes Monument ländlicher Gelassenheit.
Kein Angriff.
Keine Panik.
Keine Verfolgungsjagd durch den Stall.
Nur Ruhe.
Und ein Bauer, der eine beeindruckende Selbstverständlichkeit im Umgang mit einer Situation zeigte, die ich innerlich bereits als potenziell lebensbedrohlich eingestuft hatte.
Ich hingegen stand daneben und lernte eine wichtige Lektion:
Theoretisches Wissen über Kühe und praktische Stallrealität führen ein eher distanziertes Verhältnis.
Schlusspunkt
Es war mein erster Stallmoment.
Und die erste von vielen Gelegenheiten, bei denen ich lernen durfte, dass landwirtschaftliche Realität und urbane Vorstellungskraft selten identische Szenarien entwerfen.
Was ich damals nicht wusste:
Blacky würde die ruhigste Konstante meines späteren Hoflebens werden.
Aus der mächtigen Mutterkuh, deren Fluchtpotenzial ich im Sommerkleid vorsorglich kalkulierte, wurde die treueste und verlässlichste Kuh des Hofes.
Sie wurde 17 Jahre alt.
Und selbst bei ihrer letzten Geburt, die von Komplikationen begleitet war, zeigte sie eine Ruhe und Hingabe, die ich bis heute bewundere.
Sie brachte eine Tochter zur Welt.
Eine exakte Kopie.
Wir nannten sie — wenig überraschend — ebenfalls Blacky.
Da sich die junge Blacky zunächst weigerte, den vorgesehenen Start ins Leben eigenständig zu organisieren, zogen wir sie mit der Flasche auf.
Heute können wir sie beim Namen rufen.
Was zur Folge hat, dass sie nicht nur erscheint, sondern mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit die gesamte Kuhherde zu uns dirigiert.
Im Februar 2026 brachte Blacky Jr. ihr erstes Kalb zur Welt.
Einen kleinen, ausgesprochen entschlossenen Stier.
Die familiäre Linie bleibt also stabil.
Und ich habe inzwischen gelernt:
Man kann sich auf vieles im Leben vorbereiten.
Auf seinen ersten Stallmoment allerdings eher selten.
Vor allem im Sommerkleid.
Wie ein weiterer Stallmoment endete, erzähle ich bald hier auf dem Blog.
Der Hof hatte nämlich noch weitere Lektionen für mich vorbereitet.

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