Wie alles begann
Er hatte strahlend blaue Augen.
Diese Sorte Blau, die in der Abendsonne kurzzeitig sämtliche kognitiven Funktionen außer Kraft setzt.
Wir begegneten uns beim Drei-Tages-Fest am Mariahilfberg.
Die Stimmung war ausgelassen, die Sonne verschwand langsam hinter den Bergen, das Licht war weich, warm, nahezu filmreif — und ich half nichtsahnend beim Loseverkauf.
Dann stand er vor mir.
Ein attraktiver junger Mann, dessen Augen exakt im richtigen Winkel vom Abendlicht getroffen wurden.
Ich, bis dahin sprachfähig und organisatorisch durchaus kompetent, verstummte augenblicklich.
Er sagte etwas.
Ich weiß nicht mehr was.
Ich erinnere mich nur an den entscheidenden Satz, der mein späteres Leben nachhaltig neu strukturieren sollte:
„Ich habe einen Hof.“
Ich nickte beeindruckt.
Nicht, weil ich wusste, was das bedeutete — sondern weil mein Gehirn zu diesem Zeitpunkt anderweitig beschäftigt war.
Ein Hof, so nahm ich damals an, war etwas Architektonisches.
Ein Innenhof vielleicht. Mit Steinboden. Eventuell ein Brunnen.
Also etwas, das man bewundert, ohne dass dabei Tiere involviert sind.
Ich sagte vermutlich etwas Höfliches.
Was genau, ist ebenfalls nicht überliefert.
Realität, Mitte August
Wenige Wochen und einen gemeinsamen Kroatien-Urlaub später sollte ich „den Hof“ besichtigen.
Mitte August. Hochsommer. Berge. Kurven.
Wir reisten an in meinem Renault Twingo Baujahr 1998, liebevoll genannt:
„Strullernde Susie“
Nicht aus Zuneigung, sondern aufgrund eines technischen Defekts am Heckscheibenwischer, der dazu führte, dass das Fahrzeug bei Betätigung der Scheibenwaschanlage den Eindruck erweckte, es würde auf offener Straße urinieren.
Die Fahrt in die Berge gestaltete sich erwartungsgemäß harmonisch.
Nach der ersten 90-Grad-Kurve hingen meine Kinder bereits grün im Gesicht am offenen Autofenster.
Nach der zweiten Kurve wurde der Dialog weitgehend eingestellt.
Nach der dritten Kurve war klar, dass sich das Konzept „malerische Bergstraße“ für die hintere Sitzreihe eher theoretisch erschloss.
Ich hingegen hatte andere Prioritäten.
Für den blauäugigen Hofbesitzer hatte ich mich hübsch gemacht.
Knielanges Sommerkleid. Sorgfältig ausgewählt.
Und für den angekündigten Stallbesuch hatte ich exakt jene Gummistiefel eingepackt, die mein damaliges Stadtleben für angemessen hielt:
Kniehoch. Schrillrot. Eng.
Optisch überzeugend. Funktional… diskutabel.
Ankunft – erste Begegnung mit der Realität
Bei unserer Ankunft saß die Verwandtschaft bereits im Innenhof.
Neugierig, wachsam und offensichtlich bestens informiert über unsere bevorstehende Erscheinung.
Noch bevor ich das Ausmaß der Situation erfassen konnte, eskalierte die Lage auf tierischer Ebene.
Unser Hund Sunny wurde umgehend vom Hofhund und einem weiteren anwesenden Artgenossen in ein nicht näher definiertes Dominanzgespräch verwickelt und flüchtete panisch zurück ins Auto — vermutlich die einzig rationale Entscheidung dieses Nachmittags.
Meine Kinder waren blass.
Ich war dekorativ.
Franz erhob sich von der Bank, kam zum Auto, und ich begrüßte ihn — der damaligen Situationswahrnehmung entsprechend — mit einem Kuss.
Rückblickend betrachtet ein bemerkenswert selbstbewusster Akt für jemanden, der wenige Minuten später lernen sollte, was ein Bauernhof tatsächlich ist.
Der Stallmoment
Wir betraten den Stall.
Dort lag Blacky.
Kuh. Frisch gekalbt. Kälbchen anbei. Stallgeruch inklusive.
Und mit einer fast schon brutalen Klarheit traf mich die Erkenntnis:
Das hier war kein architektonisches Konzept.
Das hier war eine landwirtschaftliche Vollzeitrealität.
Ich stand im Stall, im Sommerkleid, in knallroten Gummistiefeln, umgeben von einer Geruchskulisse, die mit meinen bisherigen Lebenserfahrungen nur sehr begrenzte Schnittmengen aufwies.
Und dachte:
Oh Gott.
Von wegen kleiner Hof.
So. Viel. Arbeit.
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste:
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste:
Das war lediglich die Besichtigung.
Die eigentlichen Lektionen sollten erst folgen.

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